WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ fördert stereotypes Denken

Am 29. Januar 2021 wurde vom WDR die Talksendung „Die letzte Instanz“ ausgestrahlt. In der Sendung wurde unter anderem die Frage diskutiert, ob die Umbenennung der „Zigeunersauce“ ein notwendiger Schritt sei?

Jacques Delfeld, der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz, kritisiert die Sendung scharf und schließt sich damit inhaltlich der Kritik des Zentralrats an. Dabei stehen für Delfeld neben den Äußerungen der Gäste besonders die redaktionellen Macher der Sendung im Fokus:

„Die Sendung möchte auf unterhaltsame Weise kontroverse Themen diskutieren. Ihr fehlt aber eine entscheidende Komponente – die Kontroverse. Das Sendungsthema, die einleitende Moderation sowie der ins Thema einführende Trailer weisen dem Zuschauer schon zu Beginn die Zielrichtung der Diskussion. Dabei kamen sowohl der Moderator als auch die Gäste nicht ohne populistische Attitüden aus. Scheinbar haben sich die Beteiligten der Sendung für einen kurzfristigen Applaus dazu hinreißen lassen, ein wichtiges Anliegen der Sinti und Roma zu diskreditieren und zu bagatellisieren. Diese setzen sich seit Jahrzehnten für einen reflektierten, bewussten und sensibleren Umgang mit dem Zigeunerbegriffs ein.“

In der Talk-Runde reduziert Jürgen Milski die Bemühungen um eine politisch korrekte Ausdrucksweise darauf, dass zu wenig Humor in Deutschland herrsche und heutzutage jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werde. Thomas Gottschalk beruft sich auf den früher gängigen, unbedarften Umgang mit heute kritisierten Begriffen. Stattdessen werde heute eine zwang- bzw. krampfhafte Sensibilität eingefordert. Janine Kunze pflichtet bei – es werde zu viel problematisiert, sogar terrorisiert und setzt das, was sie sich als „Blondine“ mit großer Oberweite zuweilen „anhören“ müsse – mit den Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen gleich. Ein weiterer Diskutant, Micky Beisenherz, bemerkt immerhin, Gesellschaft und Sprache seien im Wandel, weist allerdings denjenigen eine Schuld zu, die sich zu eifrig für eine Sensibilisierung der Sprache einsetzten.

Dabei offenbarten die Gäste in erschreckender Weise ihre Unkenntnis und Ignoranz gegenüber vom Rassismus betroffenen Menschen. Mit ‘gepflegter‘ Meinungsbildung hatte dieser Talk wenig zu tun. Das Gespräch kam nie über das Niveau einer Stammtischdiskussion hinaus. Die Gäste wären sicher gut beraten gewesen, wenn sie sich im Vorfeld eingehender mit den Hintergründen der Begriffskritik beschäftigt  und mit den sozialen und historischen Hintergründen von Betroffenen auseinandergesetzt hätten. Stattdessen haben sich die Gäste vom Moderator zu abwertenden Meinungsäußerungen hinreißen lassen. Immerhin, durch die nachfolgende Reaktion im Netz, haben sich inzwischen Janine Kunze und Micky Beisenherz für Ihre unbedachten Äußerungen entschuldigt.

Während die ‘Performance‘ der Gäste noch mit einer peinlichen Unkenntnis abgetan werden kann, dürfte es sich bei den Verantwortlichen der WDR-Talksendung anders verhalten. Die Konzeption und Umsetzung des Sendungsthemas, deutet klar darauf hin, dass auf ein bestimmtes Ergebnis hingewirkt wurde. Hier stehen die redaktionelle Vorbereitung und Durchführung genauso im Fokus der Kritik wie die Moderation. Die Tatsache, dass der Themenauswahl kein tagesaktueller Bezug zugrunde lag, lässt vermuten, dass die Macher ausschließlich auf die Einschaltquoten geschielt haben. Dies ist besonders anstößig, weil sie bereits im Vorfeld davon ausgehen mussten, dass die Diskussion zu Kosten von Benachteiligten geführt wird. Dieser Gefahr hätten die zuständigen Redakteure durch eine ausgewogenere Gästewahl und einer ausgleichenden Moderation begegnen können.

Es fanden ausschließlich prominente Weiße Gehör, die sich auf Stammtischniveau darüber echauffierten, dass heute bestimmte, alltäglich gebrauchte Begriffe zurecht kritisch hinterfragt werden. Die sozialen oder historischen Dimensionen die Hand in Hand mit den diskutierten Begrifflichkeiten einher gehen, spielten für die Verantwortlichen im Vorfeld keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Man muss davon ausgehen, dass mögliche Bedenken bewusst ignoriert wurden, nach dem Motto: „Die sollen sich mal nicht so anstellen!“ Es ist anzunehmen, dass exakt diese Botschaft am Ende des Sendungsthemas stehen sollte.

Die stark verkürzte Diskussion um die sogenannte „Zigeunersoße“, dem „Zigeunerschnitzel“ oder den „Mohrenkopf“ unterstellte, dass nur wenige Sinti und Roma diese künstliche Diskussion vorantreiben und damit eine überflüssige Pseudodebatte führten. Es wurde moniert, dass anständige Bürger diese lieb gewonnen Bezeichnungen nicht mehr unreflektiert verwenden könnten.

Diese Bezeichnungen bereiten – auf einer sprachlich-bildlichen Ebene – den Übergang zu Vorurteilen vor. Häufig münden solche Vorurteile dann in rassistische Ressentiments. Es bleibt bei der Debatte auch völlig unberücksichtigt, dass Begrifflichkeiten wie „Zigeuner“, „Neger“ und „Indianer“ in der Vergangenheit immer auch Ausdruck bestehender Dominanz- und Herrschaftsverhältnisse waren.

Weiter lässt die Diskussion völlig unberücksichtigt, dass diese Begriffe oftmals den sprachlichen Einstieg in stereotype Denkmuster darstellen. Wenn, wie im eingespielten Trailer, Frau Schöneberger aus der „Zigeunersoße“ die „Soße ohne festen Wohnsitz“ macht, dann bedient sie sich eben eines antiziganistischen Klischees. Das heißt sie verbindet mit dem „Zigeuner“ eine nomadisierende Lebensweise. Wenn man nun bedenkt, dass viele Menschen Sinti und Roma synonym zum „Zigeunerbegriff“ verwenden, dann ist das aus Betroffenensicht eben problematisch. Abgesehen davon, wird ihr Anliegen ins Lächerliche gezogen einen vorurteilsfreien Sprachgebrauch zu etablieren bzw. zu pflegen.

Die Gefahren, die von der Förderung stereotyper Denkweisen ausgehen sind vielfältig. Im Hinblick auf die Minderheit der Sinti und Roma bedeutet das leider noch immer, dass diese im Alltag von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind. Dies führt unter anderem dazu, dass sie aus Sorge vor Repressalien und/oder gesellschaftlichen Benachteiligungen ihre Identität verleugnen. Die Verteidiger dieser Begriffe sollten sich daher ernsthafter mit den Auswirkungen eines stereotypen Sprachgebrauchs auseinandersetzen und anerkennen, dass es bei dieser Debatte um mehr geht als um die Bezeichnung von Lebensmitteln.

Nach Meinung von Jacques Delfeld, dem Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz, stellt die Talk-Runde ein exemplarisches Beispiel dafür dar, wie stereotypes Denken im Fernsehen gefördert wird. Ihm zufolge konnte der TV-Sender nicht überrascht sein, Beifall von falscher Seite erhalten zu haben, schließlich sei genau das zu erwarten gewesen. Zwar haben inzwischen der WDR und auch der Moderator Steffen Hallaschka ihr Bedauern über die Entwicklung der Sendung ausgedrückt, doch dieses Bedauern muss angesichts der konzeptionellen Anlage der Sendung als bloßes Kalkül erscheinen. Die verantwortliche Redaktion muss sich die Kritik gefallen lassen, das berechtigte Anliegen von Sinti und Roma, die für einen reflektierten und kritischen Sprachgebrauch eintreten, diskreditiert zu haben. Stattdessen sind diese in der Position sich rechtfertigen zu müssen, wieso sie derart „empfindlich“ mit dem vorbelasteten „Zigeunerbegriff“ umgehen. „Genauso macht man aus Beteiligten Betroffene!“

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